Journalismus

Erfolgreicher Social Web-Journalismus?

05:06 11.06.2010

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    Am 15. Januar 2009 bekommt Janis Krums seine 15 Minuten Ruhm. Und das mit 140 Zeichen. Er ist in New York auf einer Fähre und will den Hudson River überqueren. Minuten zuvor musste US Airways Pilot Chelsey B. Sullenberger einen Airbus A320, Flug 1549, wegen eines Vogels im Triebwerk in eben diesem Fluß notlanden. Krums zwitschert über Twitter: “Da ist ein Flugzeug im Hudson River. Bin auf der Fähre, die versucht, die Leute aufzusammeln. Verrückt.”

    Und verlinkt ein Foto von seinem Handy, auf dem der Airbus im Wasser versinkt, die Passagiere auf seinen Tragflächen stehend. Krums muss Interviews geben, denn er verbreitete die Nachricht, bevor auch nur eine Nachrichtenagentur die Meldung oder ein Foto hatte.

    Eine andere Geschichte: Es ist der 21. Juni 2009. In Irans Hauptstadt Teheran toben Oppositions-Proteste gegen Präsident Mahmud Achmadinedschad. Die meist jungen Demonstranten, darunter viele Studenten, fordern Meinungsfreiheit und Mitbestimmung. Ein Polizist erschießt in einer Straße eine junge Frau: Neda Mahdavi Agha Soltan, 26 Jahre alt. Die Szene wird gefilmt und auf den Video-Dienst Youtube gestellt. Es ist ein Beleg für die Grausamkeiten mit der das Regime gegen die Demonstranten vorgeht. Ein beeindruckendes Dokument, gegen die alles Leugnen des Irans nicht mehr hilft. Ausländischen Journalisten ist es in diesen Tagen nicht erlaubt, den Iran zu betreten. Das Internet als Demokratie-Kanal.

    Eine letzte Geschichte: Skandal schreien die Medien, als am 6. April dieses Jahres auf der Internetseite Wikileaks ein geheimes Video des US-Militärs auftaucht. Auf den Aufnahmen der Bordkamera eines Blackhawk-Hubschraubers der US Streitkräfte im Irak sind Bilder des 12. Juni 2007 zu sehen. An diesem Tag wurden zwölf Zivilisten in der irakischen Hauptstadt Bagdad erschossen, darunter auch zwei irakische Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters. Immer wieder sind Fälle wie dieser im Irak vorgekommen, aber erst durch Wikileaks, konnte man nun erstmal Aufnahmen eines solchen Vorfalls sehen und auch den zugehörigen Funkverkehr hören. Sätze wie: “Hübsch, gut geschossen.”, sind dort zu hören. Schockierende Bilder für jeden – Kriegsbefürworter und Kriegsgegner. Das US-Militär sagte 2007 zu dem Vorfall, die Crew des Hubschraubers habe sich verteidigen müssen, sie sei beschossen worden. Das 18-minütige Video spricht eine andere Sprache!

    Die Geschichten hinter den Geschichten

    Vier Geschichten über den Wert des Internets und des Journalismus. Aber zu jeder der Geschichten gibt es auch eine Geschichte dahinter. Fangen wir vorne an:

    Janis Krums war die wahre Nachricht bei der Notlandung im Hudson River: Ein deutscher Unternehmer düpiert die Medien. Aber Fakt ist auch: Seit damals hat es nie wieder eine Geschichte wie diese über den Kurznachrichten-Dienst Twitter zu solch prominentem öffentlichem Interesse geschafft.

    Husdon River

    Mit diesem Bild machte Janis Krums Schlagzeilen. Der sinkende Airbus im Hudson River. Foto: twitpics/Janis Krums

     

    Nachdem das Video aus dem Iran in allen Medien verbreitet wurde, stellten auch viele ein Foto von Neda neben ihre Berichte. Das Foto wurde über Twitter und Blogs verbreitet und alle klassischen Medien übernahmen es ungeprüft. Das Magazin der Süddeutschen Zeitung enthüllte am 5. Februar 2010 die ganze Geschichte. Auf dem Foto ist nicht Neda Soltan, sondern Neda Soltani zu sehen! Eine 26-jährige Asylsuchende aus dem Iran. Lebendig in Deutschland und durch die breite Berichterstattung ohne Chance, in den Iran zurückzukehren.

    Der amerikanische Pulitzer-Preisträger David Finkel, Reporter der Washington Post, versuchte für sein Buch “The good soldiers” die Ereignisse des 12. Juni 2007 zu recherchieren. Er stieß schnell an seine Grenzen, denn das Militär machte dicht und die Soldaten schwiegen. Finkel schrieb ein bewegendes und packendes Dokument über die neue Irak-Strategie George W. Bushs in den Jahren 2007 und 2008. Aber er biss sich an den von Wikileaks veröffentlichten Vorfällen die Zähne aus.

    Vier Geschichten also, aber nur eine gänzlich positive für den Journalismus: Wikileaks. Die Seite, die angeblich von chinesischen Dissidenten, Journalisten, Mathematikern und jungen Programmierern gegründet wurde, veröffentlicht geheime Dokumente, die ihr zugespielt werden. Eine tolle Institution! Aber eine völlig andere Liga, als Twitter, Youtube und Co.

    Journalistische Sorgfaltspflicht steht ganz oben

    Aber Wikileaks ist auch eine Schmach für die großen Zeitungshäuser – eigentlich müssten sie die Dokumente haben und veröffentlichen.

    Alle vier Geschichten sprechen aber auch eine klare Sprache für den Journalismus:

    Das Social Web ist schnell und für fast alle zugänglich. Das Social Web ist nah dran. Das Social Web ist unmittelbar!

    Aber das Social Web trifft nur manchmal ins Schwarze. Und wenn das passiert, müssen die Rechercheure der Verlage noch gründlicher arbeiten als sonst, anstatt auf die schnelle News zu setzen. Die journalistische Sorgfaltspflicht steht ganz oben!




    Kommentare:

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    1. 09:06 Uhr, 12.06.2010
      Gordon

      Aber die deutsche Rechtschreibung gehört offenbar nicht mehr zur journalistischen Sorgfaltspflicht:

      “Aber das Social Web trifft nur manchmal ins Schwarze. Und wenn das passiert müssen die Rechercheure der Verlage noch gründlicher arbeiten als sonst, anstatt auf die schnelle News zu setzen. Die Journalistische Sorgfaltspflicht steht ganz oben!”

    2. 15:06 Uhr, 12.06.2010
      Fabian Gartmann

      Lieber Gordon,

      vielen Dank für den Hinweis. Ich werde das gleich korrigieren!

      Beste Grüße,
      fabian

    3. 20:06 Uhr, 13.06.2010
      Sascha Pallenberg

      das mag einer mal verstehen…