Meinungsgezwitscher

Diskussion 2.0 – Blatter in der Kritik

22:06 14.06.2010

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    Wie vieler Worte bedarf es für einer nachhaltige Debatte? Im Social Web genügen 140 Zeichen, um Sepp Blatter ins Schwitzen zu bringen. Doch nicht nur die Twitter-Gemeinde zwitschert dem Fifa-Präsidenten die Meinung.

    Gelbe Karte für Blatter

    Verwarnt: Das Schweizerische Arbeiterhilfswerk zeigt Sepp Blatter und der Fifa die Gelbe Karte. Wegen Missachtung der Menschenrechte in Südafrika. Der Facebook-Gemeinde gefällt das. Foto: Facebook

    Die Fußball-WM in 140 Zeichen. Sepp Blatter ist mal wieder auf  Ballhöhe:  Seit drei Tagen zwitschert der Fifa-Chef. ” Thanks to everyone for welcoming me on Twitter, the Kick-Off concert was a wonderful start to South Africa 2010″ (Danke an alle für die Begrüßung auf Twitter. Das Eröffnungskonzert war ein wundervoller WM-Auftakt”), schreibt der Schweizer. 19. 908 folgen seinen Tweets, Herrn Blatter gefällt das. Soviel Zuspruch bekommt er nicht überall. Die WM läuft erst seit drei Tagen, und Sepp Blatter wurde bereits verwarnt. Auf Facebook. Das Schweizer Arbeiterhilfswerk gründetet die Gruppe “Ich zeige Sepp Blatter die Gelbe Karte”. Der Vorwurf: Die Fifa beute die Menschen in Südafrika aus und verstoße gegen die Menschenrechte. 6.067 Followern gefällt das. Und mit dieser Meinung sind sie auf Facebook nicht alleine.

    Damit aus der Verwarnung kein Platzverweis wird, gibt sich der Fifa-Chef auf Twitter aufgeschlossen und verspricht: “Please message me with your comments and questions about football and FIFA’s work, I’ll try to answer as many as I can” (“Bitte postet mir eure Kommentare und Fragen zu Fußball und zur Arbeit der Fifa. Ich werde versuchen, so viele zu beantworten wie ich kann”).

    Geantwortet hat er bisher nicht. Der Blogosphäre ist das egal – sie fragt trotzdem.

    Lieber Herr Blatter,
    wie kam es eigentlich dazu, dass ganze Stadtteile evakuiert wurden, um die Spielorte zu verschönern?

    Marc Broere stellt in seinem Blog die entscheidenden Fragen. In einem offenen Brief an Sepp Blatter. In Johannesburg, Durban und Kapstadt sollen vor der Weltmeisterschaft Obdachlose, Straßenhändler und Prostitutierte vertrieben und zwangsumgesiedelt worden sein. Damit sie die Fußball-Fans aus aller Welt nicht zu sehen bekommen. Der Twitter-Gemeinde genügen 140 Zeichen, um den Fifa-Chef in Erklärungsnot zu bringen. “Relocating poor South Africans to tin can town. Did Cape Town go the way of Beijing?” (“Umsiedlung von armen Südafrikanern in spezielle Lager. Macht es Kapstadt genauso wie Peking?”), fragt Pete Brook. Sepp Blatter schweigt, die Fifa auch.

    Lieber Herr Blatter,
    sind Sie wirklich ein Freund Afrikas?

    Marc Broere legt nach. Doch es ist die Twitter-Gemeinde, die seine Frage beantwortet. “Some crazy shit down in South Africa. District 9.” (“Seltsames Zeug in Südafrika. 9. Bezirk”). Michael Leung zwitschert es punktgenau. Slum, Flüchtlingslager, Überwachung und Vertreibung. Neill Blomkamp produzierte 2009 den Science-Fiction-Film “Distrikt 9“.  Ein Jahr später lautet der Hashtag im Web 2.0: Blikkiesdorp.  100 Tweets umfasst er bisher, unter dem Hashtags Tin Can Town wird ebenfalls heftig diskutiert.  Das Übergangslager 30 Kilometer außerhalb Kapstadts erregt die Web 2.0-Community noch immer. Tiefgreifender wird die Diskussion auf Twitter jedoch nicht.

    Wer ist wer?

    * Das Schweizer Arbeiterhilfswerk engagiert sich für eine sozial, politisch und ökonomisch gerechtere Gesellschaft. In seiner Trägerschaft sind der Schweizerische Gewerkschaftsbund und die Sozialdemokratische Partei  der Schweiz.

    * Mark Broere ist Redakteur von Vice Versa - einer Zeitschrift für Entwicklung. Die WM in Südafrika verfolgt er deshalb nicht nur aus Interesse am Fußball.

    * Eusebius McKaser ist Journalist und politischer Analyst. Er wohnt in Johannesburg und berichtet primär über politische und soziale Themen.

    * John G. Kelen bloggt für die Cape Independence Movement. Die Bewegung hat ihren Sitz in Kapstadt und beobachtet die Ereignisse während der WM kritisch.

    * Hassan Khan arbeitet für die Stadtentwicklungs- und Planungsbehörde in Kapstadt. Seine Behörde gestaltet das Stadtbild.

    * Das National Public Radio ist ein locker organisiertes Radionetz in den USA. Das Radio bietet seinen Hörern ein kultur- und informationsorientiertes Programm und ist vergleichbar mit Deutschlandfunk oder BBC.

    * Housing is a Human Right ist ein Online-Forum, das Wohnen als Menschenrecht begreift. Die Plattform dokumentiert das Engagement verschiedener sozialer Organisationen für Wohnraum.

    Hohn, Spott und Zynismus – im Web 2.0 ist die Sprache eine scharfe Waffe. Doch nicht nur der Fifa-Chef polarisiert. Auch der Regierung in Südafrika zwitschert die Twitter-Gemeinde die Meinung. Nachhaltig.

    Eusebius McKaiser schreibt: “In the end, our deep insecurity about being incompetent Africans drove our excitement to take on this project. The opportunity cost will come back to bite us, however. I suggest you keep your vuvuzelas safe. You may need to donate them to folks in Blikkiesdorp to distract themselves from poverty that forgot to leave SA on an aircraft with the last football fan. The opiate that is mass sport is cruel fun.” (“Am Ende ist es unsere tiefe Unsicherheit, inkompetente Afrikaner zu sein, die unsere Aufregung um dieses Projekt ausmacht. Diese verpasste Gelegenheit wird sich irgendwann rächen. Ich empfehle, die Vuvuzela zu verwahren. Wir könnten sie den Leuten in Blikkiesdorp schenken, damit sie sich selbst aus der Armut befreien. Und Südafrika nicht per Flugzeug mit dem letzten Fußballfan verlassen. Das Opium dieses Massensportereignisses ist grausamer Spaß.”)

    John G. Kelen fragt in seinem Blog: “300.000 Families awaiting homes? In Cape Town alone. Ye gods! It seems to me that maybe, just maybe the ANC and now by proxy the DA have been very derelict in their duties. Tell me again. How many millions of Rands has been spent on the World Cup?” (300.000 Familien warten auf Häuser? Allein in Kapstadt. Ihr Götter! Es scheint mir, als ob der ANC und nun die DA ihre Pflichten vernachlässigen. Sagt es mir nochmal. Wie viele Millionen sind in die Weltmeisterschaft geflossen?”).

    Sein Ärger richtet sich gegen Hassan Khan vom City Improvement District in Kapstadt. Säuberungen? Zwangsumsiedlungen? Auf dem Weblog des National Public Radios weist der Offizielle die Kritik von Housing is a Human Right von sich und der südafrikanischen Regierung: “I think there’s a misunderstanding here. It is quite possible that those people … didn’t think that they had any other choice of housing than going to Blikkiesdorp. But if the implication is that they were forced there, then I would have to say that that’s not possible in a democratic country.” (” Ich denke, es handelt sich um ein Missverständnis. Es ist durchaus möglich, dass diese Leute… nicht verstehen, dass sie nicht nach Blikkiesdorp gehen müssen und es durchaus andere Möglichkeiten gibt. Aber wenn der Eindruck entsteht, dass sie gezwungen werden, dann sage ich: Dies ist in einem demokratischen Land nicht möglich

    John G. Kelen antwortet in einem digitalen Brief: “Dear Mr Khan, South Africa may be a “democracy” that doesn’t make it democratic. S.A. might be a democracy but that’s not going to stop the ANC from doing what they want anyway.” (” Lieber Herr Khan, Südafrika ist vielleicht eine Demokratie, aber das macht es nicht demokratisch. Südafrika ist vielleicht eine Demokratie, aber das hält den ANC nicht davon ab, dass zu machen, was er sowieso will”).

    Beharrlich reißt die Blogosphäre die Feigenblätter weg, hinter denen sich die WM-Verantwortlichen in Südafrika verstecken. Das National Republic Radio legt in seinem Weblog  nach: “In a country where the forced removal of millions of black people during apartheid is still a recent memory, the relocations are especially controversial.” (“In einem Land, in dem Zwangsumsiedlungen der schwarzen Bevölkerung während der Apartheid noch frisch in Erinnerung sind, werden weitere Umsiedlungen besonders kontrovers verfolgt.”)

    “Exactly!” (“Exakt”). Sagt Kelen. Damit ist die Diskussion aber nicht beendet. Denn das Social Web hört nie auf zu beobachten, zu analysieren und zu kommentieren.




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