Aids-Prävention

HIV-Schutz: Vorwürfe gegen Fifa

Ein Fußballfest will die Fifa haben. Mit Fans, guter Laune und Vuvuzelas. Da passt das Thema Aids nicht rein – auch nicht in die Stadien. Aids-Organisationen haben die Fifa heftig kritisiert: der Fußballverband erlaube ihnen nicht, in den Stadien Kondome zu verteilen. "Alles Quatsch", sagt die Fifa.

Täglich sterben 1.000 Menschen in Südafrika an Aids - rund 350.000 pro Jahr. Jeder zweite Todesfall ist ein Aids-Toter. Die rote Schleife steht international für den Kampf gegen HIV. Foto: flickr/freizeit

Als der Fußballverband Fifa vor sechs Jahren die Weltmeisterschaft nach Südafrika vergab, lobte er die WM als eine Riesenchance, Südafrika bei der Lösung seiner Problemen zu helfen.

Verbands-Präsident Sepp Blatter wiederholte damals oft den Satz: “Es ist praktisch unsere moralische Verpflichtung gegenüber dem afrikanischen Fußball und den Menschen in Afrika.”

Zwei Tage vor dem Anpfiff sind die Probleme geblieben – allen voran die Immunschwächekrankheit Aids. 5,7 Millionen Menschen sind in Südafrika mit HIV infiziert – das sind 18,1 Prozent der repräsantiven Gesamtbevölkerung (15-49 Jahre). In Deutschland liegt die Aids-Quote bei 0,1 Prozent.

Deshalb beschwerten sich Ende vergangener Woche der Aids-Rat, die Dachorganisation der südafrikanischen Aids-Verbände, und seine acht einflussreichsten Zivilpartner bei der Fifa: Diese habe nie auf ihre Anfragen und Angebote reagiert. Nein, sogar blockiert habe der Weltverband. Erst auf öffentlichen Druck äußerte sich die Fifa: sie habe nie eine Anfrage erhalten.

Der oberste Aids-Bekämpfer der Vereinten Nationen, Michel Sidibé, Direktor von UNAIDS bekräftigte die Kritik. Auch er habe mehrfach bei der Fifa und dessen Präsidenten angefragt – Reaktionen gab es keine.

Fifa will Fußball, keine Probleme

Es sieht so aus, als hätten der Weltfußballverband und sein Präsident die Versprechen von 2004 vergessen. Stattdessen unternehmen sie alles, um die Sonnenseiten der Weltmeisterschaft zu betonen. Ein großes Fußballfest solle es werden.

So stellt sich die Fifa die Weltmeisterschaft vor: feiernde Fans der südafrikanischen Nationalmannschaft. Foto: flickr/flowcomm

Vielleicht sagt ja dieser eine Satz schon alles, mit dem Mark Heywood, Vize-Direktor des südafrikanischen Aids-Rates, die Fifa kritisierte: “Fifa is very thick-skinned and their exclusive interest is a successful World Cup that’s insulated from the day-to-day challenges of our country” (“Die Fifa ist sehr dickhäutig. Ihr Hauptinteresse ist eine erfolgreiche Weltmeisterschaft, losgelöst von den täglichen Herausforderungen unseres Landes”). Heywood ist für die Aids-Prävention in Südafrika verantwortlich – im Regierungsauftrag. Unterstützung bekam er dafür bisher wenig.

Twitter-User dazzawazza formuliert das so: “Would south Africa be more proud of football stadiums or overcoming aids, inequality and poverty?” (“Wäre Südafrika stolzer auf Fußballstadien oder darauf, eine Lösung für Aids, Ungleichheit und Armut zu finden?”).

Fast scheint es, als verhindere die Fifa, das Thema Aids während der WM aufkommen zu lassen. Zwar sagte eine Sprecherin, es gäbe viele Engagements rund um HIV, genaueres aber konnte auch sie nicht sagen.

“What with the no. of HIV carriers in South Africa? Fifa blocking distribution of condoms is a bit of a worry.”, zwitschert Hans Svendsen (“Was ist mit der Zahl der HIV-Infizierten in Südafrika? Dass die Fifa das Verteilen von Kondomen verhindert ist ein bisschen beängstigend”).

Aids-Organisationen sind über Fifa empört

Es geht hierbei nicht nur um die Menschen in Südafrika, sondern auch um die Fans, die vor Ort sein werden. Sie wollen feiern und Spaß haben – doch der könne in Südafrika todernst sein, erwarten verschiedene europäische Regierungen.

Viele Aids-Kranke, wie dieser alte Mann, bekommen keine Unterstützung vom Staat - auch die Gesellschaft grenzt sie aus. Foto: flickr/

Monatelang wollten der Aids-Rat und seine Zivilpartner deshalb von der Fifa im Vorfeld der WM die genauen Abläufe erfahren, wie Fans und Bevölkerung über HIV aufgeklärt werden sollten. Am Freitag dann der empörte Aufruf, in dem sie der Fifa und dem Nationalen Organisationskomitee vorwerfen, nichts gegen die Ausbreitung von Aids zu unternehmen – und klare Fragen stellen:

- Is there approval for condom and health information distribution at all stadia, fan parks and public viewing areas by the DOH and SANAC?

- Does this approval extend to all of SANAC’s civil society affiliates?

- Is there going to be promotion of condoms and HIV testing, endorsed by FIFA and the LOC, during the world cup – in order to take advantage of millions of people who will be watching the football? How will this be done?

(“Wird die Ausgabe von Kondomen und Gesundheitsinformationen in allen Stadien und Fan-Bezirken durch das Gesundheitsministerium und den Südafrikanischen Aids-Rat befürwortet?
Gilt diese Zustimmung auch für alle zivilen Partner des Aids-Rates [auch alle Organisationen des Treatment Action Council, Anm. der Red.]?
Wird seitens der Fifa und des NOKs für Verhütung und Aids-Tests geworben, um sich die Aufmerksamkeit von Millionen Fans zu Nutze zu machen? Wie soll das gemacht werden?”).

Die Arbeit der Aids-Organisationen ist die letzte Hoffnung für viele HIV-Infizierte. Foto: flickr/

Aids-Organisationen dürfen nicht in die Stadien

Noch viel schwerer wiegt ihr Vorwurf, dass die Aids-Organisationen keinen Zugang zu den Fifa-Austragungsorten hätten, um dort in kleinen “Gesundheitsbereichen” Kondome und Gesundheitstipps zu verteilen – während Werbepartner dort sogar Alkohol verkaufen dürfen. Die strenge Regulierung der Fifa sehe vor, dass nur Sponsoren und WM-Partner in die Spielstätten dürften.

“It’s completely okay to *sell* alcohol but not *give* away condoms here? Fifa needs to remove their heads out of their arses! Cuz when marketing becomes a higher priority then world safety there skewed about your views.”, postet Tabi Cham auf Facebook. (“Es ist scheinbar in Ordnung, Alkohol zu verkaufen, Kondome auszugeben aber nicht? Die Fifa sollte endlich die Köpfe aus ihren Ärschen ziehen. Weil, wenn ihnen Vermarktung wichtiger ist als  die Weltsicherheit, haben sie einen ziemlich schrägen Blick auf die Dinge”).

Südafrika: HIV in Zahlen

  • 350.000 Menschen sterben in Südafrika jedes Jahr an Aids
  • Das sind 1.000 Menschen pro Tag
  • Jeder zweite Todesfall ist ein Aids-Toter
  • In Südafrika leben 50 Millionen Menschen
  • 5,7 Millionen sind HIV-postiv
  • Damit ist jeder zehnte Südafrikaner an Aids erkrankt
  • Bei der Gesamtbevölkerung (15 bis 49 Jahre) liegt die Quote bei 18,1 Prozent
  • Die Aids-Quote in Deutschland beträgt 0,1 Prozent
  • 280.000 Kinder unter 14 Jahren sind vom Immunschwäche-Virus infiziert
  • 1,4 Millionen Waisenkinder hat die Immunschwäche hervorgebracht
  • In Afrika, südlich der Sahara, sind 25,8 Millionen Menschen HIV-positiv
  • Die Aids-Rate ist nur in vier afrikanischen Ländern höher als in Südafrika:
  • Swasiland (38,8 Prozent), Botswana (37,3 Prozent), Lesotho (28,9 Prozent) und Simbabwe (24,1 Prozent)
  • Weltweit sind 40,3 Millionen Menschen am HI-Virus erkrankt
  • Das ist ein weltweite Aids-Quote von 1,1 Prozent
  • 3,1 Millionen fallen der Immunschwäche jährlich zum Opfer
  • HIV ist in der südafrikanischen Gesellschaft ein Tabuthema

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